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Yin Yoga in Dharamshala – nach dem vierten Tag hab ich gelitten.

  • vor 1 Tag
  • 3 Min. Lesezeit

Dharamshala, 2019. Ich bin mitten in den Himalayas, umgeben von Stille, Natur und dem leisen Summen einer Stadt, die sich an den Berg schmiegt. Kein Handy. Kein To-Do. Keine Termine. Zehn Tage Yin Yoga-Ausbildung in Dharamshala.


Klingt traumhaft, oder?


War es auch. Aber nicht sofort.


Tag eins, zwei, drei.


Ich bin jemand, die macht. Die anpackt. Deren Kopf immer mindestens 50 Tabs offen hat. Musik läuft bei mir eigentlich immer, ich stelle mindestens einmal im Monat irgendetwas um, und zu viele Ideen für zu wenig Zeit ist mein Dauerzustand.


Und jetzt das: auf dem Boden liegen. Einfach nur da sein. Eine Pose halten – drei Minuten, fünf Minuten, manchmal länger. Keine Musik. Kein Flow. Kein „weiter".


Nur ich. Mein Atem. Meine Gedanken.


Und meine Gedanken hatten sehr viel zu sagen.


Tag vier.


Irgendwo zwischen der dritten langen Halte-Pose und dem Ende des Tages hab ich gemerkt: ich leide, nicht körperlich, sondern mein Körper hat sich sogar gut angefühlt. Aber irgendwo tiefer. Das Nichtstun hat mich so fertig gemacht. Das Still-Sein war anstrengender als jedes HIIT-Training, das ich je gemacht habe.


Ich wollte mein Handy. Ich wollte eine Liste abarbeiten. Ich wollte irgendetwas tun, das sich nach Fortschritt anfühlt.


Stattdessen: Boden. Atem. Stille. Pause.


Was ich dabei vergessen hatte zu erwähnen.


Wir kamen gerade aus Goa. Sonne, Strand, Meer, 30 Grad. Und dann: Dharamshala, Berge, Vor-Saison, Kalt.


Richtig kalt!!



In der Shala saß ich mit Decken eingewickelt auf dem Boden, der kalte Steinboden unter mir zog bis in die Knochen, und dann viel, viel Regen, gemischt mit kalter Bergluft. Abends hab ich mir mit einem Föhn die Füße geheizt. Habe meine Füße in heißes Wasser gestellt wie eine alte Dame. 😄


Mein Mann war gleichzeitig nebenan im Tushita, zehn Tage Schweige-Retreat. Wir haben uns diese Auszeit gemeinsam gegönnt, als Teil einer dreimonatigen Reise durch Indien, Vietnam, Bali und Thailand. Und ausgerechnet in dieser Kälte, in dieser Stille, mit Menschen, die ich vorher nicht kannte und heute glücklicherweise noch in meinem Leben habe – ausgerechnet da, ist etwas aufgetaut.


Nicht nur die Füße.



Und dann, irgendwo zwischen Tag vier und fünf.


Ich weiß nicht genau, wann es passiert ist. Aber irgendwann haben die Gedanken aufgehört zu kämpfen. Sie kamen noch – natürlich – aber sie sind auch wieder gegangen. Ohne dass ich ihnen hinterherlaufen musste.


Und dann war da plötzlich dieses Gefühl. Leichtigkeit. Klarheit. Zufriedenheit. Als hätte jemand einen Raum gelüftet, der lange zu gewesen war.


Und ich dachte: oh mein Gott. Das brauchen wir alle so, so dringend!


Was ich in diesen zehn Tagen verstanden habe.


Wir leben in einer Welt, die Bewegung belohnt. Produktivität. Output. Wer rastet der rostet, und so weiter. Ich nehme mich da nicht raus. Pause gilt als Schwäche, als Faulheit, als etwas, das man sich erst verdienen muss.


Aber unser Nervensystem funktioniert nicht so.


Unser Körper braucht beides, Aktivität UND Ruhe. Anspannung UND Entspannung. Und die meisten von uns – ich eingeschlossen – sind so gut im ersten Teil geworden, dass wir den zweiten verlernt haben.


Yin Yoga ist kein passives Herumliegen. Es ist aktive Erholung. Es ist das bewusste Entscheiden: ich halte inne. Ich lasse das Nervensystem runterregulieren. Ich gebe meinem Körper und meinem Kopf die Chance sich zu erholen.


Das ist manchmal unbequem.


Und dabei passiert körperlich gerade sehr viel. Die langen Haltepositionen erreichen Faszien und Bindegewebe, Schichten die wir mit dynamischem Yoga kaum berühren. Gelenke werden mobilisiert, Hüfte, Wirbelsäule, Schultern. Der Körper dankt es dir. Aber mal ehrlich, das Körperliche ist für die meisten von uns noch der einfachere Teil. Es ist das Mentale was wirklich herausfordert. Einfach nur da sein, ohne etwas leisten zu müssen.


Und das war es auch für mich.


Aber danach fühlt man sich anders. Klarer. Leichter. Als hätte man endlich aufgehört gegen sich selbst zu kämpfen.


Warum ich das heute weitergebe.


Ich unterrichte Yin Yoga, weil ich weiß wie schwer es am Anfang ist. Weil ich die Ungeduld kenne, das Kribbeln, den Wunsch einfach aufzustehen und irgendetwas zu tun.


Und ich unterrichte es, weil ich weiß, was auf der anderen Seite wartet.


Du musst nicht nach Dharamshala fliegen, um das zu erleben. Du musst nur bereit sein, für ein paar Minuten den Boden unter dir zu spüren und deinen Gedanken zuzuschauen.


Das reicht schon.


Jeden Monat gibt es eine ruhige Yin Yoga Pause am Sonntag in Nackenheim – für alle die auch mal durchatmen wollen. Alle Termine findest du hier.


Hier noch ein paar Dharamshala-Eindrücke



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